Siegfried Mandler
entzündete diese Kerze am 8. Mai 2026 um 19.50 Uhr
Lieber Achim,
genau vor einem Jahr erreichte mich die traurige Nachricht, dass Du diese Welt für immer verlassen hast. Viele Gedanken und Erinnerungen schwirren mir heute – wie auch sonst immer mal wieder - durch den Kopf. Gute und schöne, aber auch schlechte, die mit den schwer fassbaren Umständen Deines einsamen und schmerzhaften Todes zusammenhängen. Erinnerungen, die mich noch immer sehr bewegen. Zu den positiven Erinnerungen zählt ganz besonders der Tag Deiner Bestattung am 02.06.2025, auch wenn das seltsam klingen mag. Bei dieser Gelegenheit möchte ich mich bei allen bedanken, die mit Rat und Tat, mit ihrer Anwesenheit vor Ort und dem Geleit auf Deinem letzten Weg zu einem würdevollen Abschied entscheidend beigetragen haben. Besonders hervorheben möchte ich insbesondere die passenden Worte von Anne. Ich glaube, es hätte Dir sehr gutgetan, das alles zu sehen und zu hören. Das hast Du ja vielleicht auch, vielleicht zusammen mit Deinen Eltern. Ich weiß es nicht, aber Du könntest es möglicherweise wissen. Das hast Du uns voraus.
Zur Erinnerung an Dich und diesen für mich doch recht bewegenden Tag erlaube ich mir, anschließend meine persönlichen Abschiedsworte vom 02.06.2025 zu zitieren:
„Ein wahrlich trauriger Anlass, ein trauriger Tag. Gleichwohl bin ich froh, dass Ihr gekommen seid und wir uns hier uns hier und heute von Joachim gemeinsam verabschieden können.
Joachim und ich waren nicht nur Cousins. Wir waren auch – wie ich erst nach seinem Tod – erfahren habe – besondere Namensvetter. Mandler, klar, aber da geht noch mehr. Sein vollständiger Name war zu meiner Überraschung: Joachim Siegfried Heinz Mandler. Genannt habe ich ihn meistens Achim.
Anita und ich haben Achim als lebensfrohen, hilfsbereiten und kreativen Menschen erlebt. Da fallen uns seine liebevoll und sehr aufwendig hergestellten Fotokalender ein, natürlich mit selbst geschossenen Fotos. Oder in Zeiten, in denen er bereits im Pflegeheim wohnte, hat er energisch darauf bestanden, uns zu Kaffee und einem Stück Kuchen einzuladen, was er dann von seinem geringen Taschengeld bezahlt hat.
Ja, Achim hat sein Leben gehabt und gelebt, lange Zeit auch auf der Überholspur. Zu seinen Leidenschaften zählten neben seinem Beruf als Architekt u.a. Autofahren, Skifahren, Diskutieren und später die Fotographie. Aber im Leben gibt’s nicht nur Sonnenschein wie wir alle wissen. Für Achim kam es dann aber irgendwann doch knüppeldick. Anstellung, Lebensgefährtin, Wohnung verloren, wieder bei den Eltern eingezogen, Sturz mit mehreren anschließenden, nicht wirklich geglückten Operationen, das Gehen fällt schwerer. Dann stirbt die ihn liebevoll umsorgende Mutter, die WG mit seinem strengen, langsam in Richtung Demenz steuernden Vater scheitert, Tod des Vaters, gerichtliche Bestellung eines Betreuers für ihn, Einweisung in drei Pflegeheime hintereinander, Verkauf von Elternhaus und dem geliebten Auto. Tod seiner Tante Lisbeth, zu der er schon immer irgendwie einen besonderen Draht hatte.
In dieser Zeit kamen Achims Ecken und Kanten immer stärker zum Vorschein. Die Kommunikation mit ihm wurde für viele immer schwieriger. Geplagt von einem kaum zu durchdringenden toxischen Gemisch aus Fehleinschätzung seiner Situation (ich kann das alles selbst regeln), gleichzeitigen Selbstzweifeln, Scham, Selbstmitleid und Geh- und Sprachproblemen kamen dann noch Depressionen dazu. Er verstand seine Mitmenschen nicht mehr und die ihn auch immer weniger. Er eckte immer häufiger an, grantelte und zog sich dann mehr und mehr zurück. Er war – was vielleicht einigen von uns nicht bewusst ist – schlicht und einfach krank. Das erklärt vielleicht doch das eine oder andere. Obwohl er einiges probiert hatte, um aus dieser Abwärtsspirale herauszukommen (z. B: Neue Software für seinen Beruf, Sprach- und andere Therapien) haben ihn dann zuletzt die Kräfte verlassen.
Wie schlimm es ihm ging, habe ich erst in der Woche vor Ostern erfahren, als ich ihn dreimal aufgesucht habe. Er befand sich in einem menschenunwürdigen, aber offensichtlich freiwillig gewählten Zustand. Um so wichtiger ist es, dass wir uns heute gemeinsam von ihm würdig verabschieden.
Hinweisen möchte ich an dieser Stelle noch auf ein Lied des von Achim besonders geschätzten Liedermachers Wolfgang Ambros. Das Lied, zu dem nachher die Urne herabgelassen wird, erinnert mich besonders an Achims bei meinem letzten Besuch offensichtlich unter großen Schmerzen herausgepressten drei Worte. Sie lauteten: „Es ist vorbei“.
Das Lied spiegelt Achims Selbstzweifel, seine Suche nach Anerkennung und Frieden, seine innere Zerrissenheit und seine Unsicherheit wider. Es lautet „I glaub I geh jetzt“. Ich hoffe, lieber Achim, dass Du nach Deinem langen Leidensweg, nun endlich den Frieden und die Ruhe findest, etwas wonach Du so lange vergeblich gesucht hast.
Zunächst wird jedoch - gleich nach der nächsten Musik – Anne, die ausgebildete Lektorin ist, noch ein paar Worte zu uns sprechen.“
Musik:
Vangelis – Prelude (4:24)
(Grabrede Sigi)
Karl Jenkins – Chorale 3 (2:20)
(Grabrede Anne)
Wolfgang Ambros – I glaub i geh jetzt (3:54)
Vangelis – Aquatic Dance (3:43)
Aldo Romano – Il Piatschere (2:48)
Ruhe in Frieden
Siegfried